Jutta Laroche

Wenn du so zurückdenkst, wie bist du auf die Idee gekommen, "Winnetous Testament" zu schreiben?

Daran erinnere ich mich sehr gut. Mein Sohn plante, seine Hochzeitsreise in Kanada zu verbringen. Dabei unterhielten wir uns auch über die Niagara-Fälle. Mir fiel ein, dass diese eine Rolle in Karl Mays viertem Winnetou-Band ("Winnetous Erben") spielten. Ich wollte dann nur diese Stelle nachschlagen, geriet aber wie so oft in den Bann des Erzählers und las das ganze Buch. Und da entstand dieser Gedanke: Wie wäre es denn, wenn wir beide, Reinhard und ich, Karl Mays Plan verwirklichten, das Testament Winnetous zu schreiben? Wir hatten ja schon davor zusammengearbeitet. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung davon, welche Schwierigkeiten auf mich zukommen würden.

 

Welche Schwierigkeiten meinst du?

Nun, da ist zunächst Sprache und Stil. Mir - und auch dir - war ja von Anfang an bewusst, dass Karl-May-Puristen Epigonen strikt ablehnen. Unsere Leser würden sich aber kaum aus dieser Gruppe rekrutieren. Unsere Leser würden Karl May Freunde sein, die Spaß an neuen Geschichten haben, diese aber Karl May nah bleiben sollen und trotzdem unserer Zeit angepasst. Das erfordert eine gewisse "Entstaubung" der Sprache. Wir haben es dann ja auch erlebt, dass z.B. ein Leser schrieb, das "Testament" wäre der richtige Lesestoff für seine achtjährige Nichte und nach einer "Probe" gleich alle Bände bestellte. Vielleicht hat die von manchen kritisierte Sprache dazu geführt, dass der eine oder andere Jugendliche zum originalen Karl May fand. Obwohl das "Testament" nicht speziell für Jugendliche geschrieben wurde, kann man es, wie ein anderer Leser schrieb, der Jugend unbedenklich in die Hand geben. Und was den Stil angeht, so ist es kaum durchzuhalten, Karl May über mehrere hundert Seiten glaubwürdig nachzuahmen. Die Konzentration auf den möglichst May-nahen Stil wäre mit Sicherheit zu Lasten der Spannung gegangen.

 

Gab es noch andere Schwierigkeiten?

Oh ja. Es war beim Schreiben oft ein Spagat. Einerseits hatte ich mich an dem von May geschilderten Charakter Winnetous zu orientieren, andererseits musste ich dieser doch relativ unnahbaren, sogar hölzern erscheinenden Figur Leben einhauchen. Einerseits betont May immer wieder die Bescheidenheit Winnetous, andererseits tritt Winnetou in Mays Romanen dem Leser als ein selbstbewusster Häuptling entgegen, der erwartet, dass seine Befehle befolgt werden. Einerseits gilt Winnetou als sehr schweigsam, andererseits muss er ja erzählen, sonst bestände sein Testament aus leeren Seiten und wäre damit sinnlos. Auch andere beliebte Figuren aus dem May-Universum mussten gelegentlich eingebaut werden, denn die Leser wollen bei allem Neuen unbedingt auch das Vertraute. Mit Recht, denn was wären May-Geschichten ohne Sam Hawkens, Davy und Jemmy, den Hobble Frank und wie sie alle heißen? Sie sorgen für den unverzichtbaren Schuss Humor, mit dem Winnetou eben nicht in Verbindung gebracht wird.

Es gibt jetzt ein neues Buch von dir, das mit Karl May nichts zu tun hat, den "Arminius - Fürst der Cherusker", den manche unter "Hermann" kennen. Warum dieses Mal ein historischer Stoff?

Geschichte hat mich seit meiner Kindheit interessiert. Sie kann sehr spannend sein, wenn sie richtig vermittelt wird. Ich hoffe, mir ist das gelungen. Auch unsere Zeit wird einmal Geschichte sein. In meinem Roman habe ich mich an den römischen Quellen orientiert und nur die "Löcher" mit meiner Fantasie, die allerdings begründet ist, ausgefüllt. Arminius ist auch bei mir keine unumstrittene Person, kein Superheld. Aber er ist durchaus auch kein Finsterling oder Bösewicht - selbst die römischen Historiker zollten ihm ja Respekt. Es ist die alte und stets neue Frage: Heiligt der Zweck die Mittel? Was ist erlaubt, wenn es um die Freiheit geht - der Güter höchstes, wie Schiller sagt? Eine kleine Verbindung zu Karl May sehe ich übrigens darin, dass die Germanen bei näherer Betrachtung viele Gemeinsamkeiten mit den Indianern hatten. Sie die "Indianer Europas" zu nennen, kann man m.E. mit einem gewissen Augenzwinkern gelten lassen.

 

Also auch etwas für Karl May Fans?

Warum nicht? Ich bin ja selber ein großer Karl May Fan!